Warum schmeckt draußen alles besser? – Gespräch mit Daniel Kofahl (APEK)

 

Egal ob ein trockenes Käsebrötchen, verkokeltes Stockbrot oder ein einfacher Apfel – draußen schmeckt einfach alles besser. Was das Essen draußen so besonders macht und ob Kinder davon profitieren, fragen wir den Ernährungssoziologen Dr. Daniel Kofahl.

Für unser Interview mit Dr. Daniel Kofahl vom „Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur (APEK)“ gab es einfach nichts naheliegenderes als ein gemeinsames Picknick im Wald mit frischem Kaffee, Bauernbrot und Käse.

Ein trockenes Käsebrot – Zuhause würde es notgedrungen gegessen, draußen in der Natur schmeckt es einfach nur himmlisch. Kennst du das?
Ja, auf jeden Fall kenne ich das.

Warum ist das so? Was macht den Unterschied zwischen draußen und drinnen essen?
Zum einen sind wir draußen in einer ganz anderen Situation. Es ist für die meisten Menschen heutzutage einfach etwas Außergewöhnliches in der freien Natur zu essen. Das andere ist natürlich: wenn man so draußen ist wie wir jetzt, oder wie ihr, wenn ihr ausbüxt, dann bewegt man sich viel. Und wenn der Körper Energie braucht und Hunger hat, dann merken wir wie gut es schmecken kann. Da kann man einfach sagen „Hunger ist der beste Koch!“.

Zuhause dagegen, wo der Kühlschrank voll ist und man auf viele andere Sachen zugreifen kann, geht das Verständnis dafür verloren, dass ein Käsebrötchen von gestern immer noch ein gutes Essen ist.

Spielt es eine Rolle ob man alleine draußen isst oder in einer Gruppe?
In einer Gruppe kann sich das natürlich nochmal anheizen. Man kann sich zusammen darin bestärken, wie gut etwas schmeckt. Man macht sich gegenseitig Appetit. Das ist ein sozialer Prozess, der dazu führt, dass man Speisen mehr Aufmerksamkeit widmet und achtsamer mit ihnen umgeht.

„Vollkornbrote werden auf einmal als erstes und gerne gegessen.“

Du bist selbst Vater von zwei Kindern. Wann habt ihr zuletzt draußen in der Natur zusammen gegessen? Und was?
Das ist ´ne gute Frage. Wann war das? … Vor zwei Wochen war ich mit meinem Sohn in Rom. Da waren wir viel draußen spazieren. Wir hatten im Rucksack Proviant dabei, haben uns auf Steine gesetzt, was getrunken und ´ne Kleinigkeit gegessen, um wieder zu Kräften zu kommen. Wir hatten Melonenstücke und belegte Brote. Das Tolle ist, Vollkornbrote mit Frischkäse und Marmelade, die mein Sohn sonst nur mit kritischen Kommentaren isst, werden da auf einmal als erstes und gerne gegessen. Einfach weil wir so viel unterwegs waren und es ein Picknick war.

Schmeckt es dann auch so gut weil Kinder wissen: es gibt jetzt nur das oder eben nichts?
Draußen haben wir eine Reduktion der Komplexität. Wir haben keine unendliche Vielfalt wie im Vorratsschrank zuhause. Da ist meist mehr drin, als wir essen können. Unterwegs in der Natur hat man nicht so viel dabei und dann vergessen Kinder auch ganz schnell, dass sie Vorbehalte hatten. Die Kombination macht‘s: Reduktion, Hunger und die außeralltägliche, besondere Rahmung der Situation.

Als Ernährungssoziologe beschäftigst du dich ausgiebig mit Fragen rund um das Thema „Genuss“, „Ernährungskultur“ und den sozialen Aspekten des Essens. Was braucht es für ein genussvolles Draußen-Essen?
Alleine das Außeralltägliche macht viel aus. Dass man nicht am Tisch isst, sondern eine Decke einpackt, besonderes Draußen-Geschirr, einen Picknickkorb und sich mit netten Menschen zusammensetzt und es zelebriert, unter freiem Himmel zu essen, all das schafft einen besonderen Genuss. Einfach diesen offenen Raum zu haben, die Freiheit zu spüren und nicht das Abgeschlossene der Wohnung oder des Gastraums in einem Restaurant. Da muss man sich manchmal vorher auch gar nicht so viel bewegt haben, um das zu spüren. Obwohl das die Erfahrung des Ausbüxens sicherlich noch verstärkt, wenn man ganz konkret aufbricht und dafür auch ein paar angenehme Anstrengungen unternimmt.

Dann ist da natürlich noch der Aspekt, ein bisschen raus zu kommen aus den strengen Regeln, denen man beim Drinnen-Essen irgendwie unterworfen ist. Am Tisch zu sitzen, gerade zu sitzen, mit Messer und Gabel zu essen. Klar, das ist nicht mehr so streng wie früher, aber draußen hat man doch das Gefühl, man könnte sich ein wenig mehr leger verhalten. Anders sitzen, etwas mit den Händen anfassen, das man zuhause vielleicht nur mit Besteck essen würde, und dabei kein schlechtes Gewissen zu haben.

„Essen ist draußen ein sehr viel sinnlicheres Erlebnis als in der Wohnung am Esstisch“

Haben auch Gerüche und Geräusche der Natur einen Einfluss auf den Genuss?
Ja, auf jeden Fall. Draußen sind wir anderen Gerüchen und Geräuschen ausgesetzt als drinnen. Der Wind rauscht durch die Blätter, es weht ein Geruch von Wiese um uns herum, die Sonne scheint, wir merken dass der Wind unsere Haut berührt … . Essen ist draußen auf jeden Fall ein sehr viel sinnlicheres Erlebnis als in der Wohnung am Esstisch.

Macht es einen Unterschied, ob man mitgebrachte Butterbrote isst oder das Essen erst noch draußen zubereitet? Oder vielleicht unterwegs noch was essbares sammelt? Oder sich einfach nur ne Fertigpackung mit heißem Wasser zubereitet?
Ja, das macht auf jeden Fall einen Unterschied. Die Produkte sagen natürlich etwas aus und prägen das Ambiente immer mit. Wenn man etwas selber macht, dann ist das immer eine Wertschätzung. Und zwar nicht nur gegenüber dem Produkt, sondern auch gegenüber meinen Mitmenschen. Eure Rezepte, die ihr bei Ausgebüxt regelmäßig vorstellt, sind übrigens auf eine einfache Art und Weise exotisch. Man muss sich vorher ein paar Gedanken über die Zutaten und ihre Zubereitung machen, weil sie eine andere Art des Essens darstellen, als wir das üblicherweise gewohnt sind. Außerdem finde ich bei euren Outdoor-Gerichten ganz spannend, dass ihr beachtet, wie viel Gewicht man mit sich rumschleppt. Das ist außergewöhnlich und unterstreicht den Abenteuercharakter.

Industriell hergestellte Produkte verzerren dagegen auch das Gefühl des Natürlichen, das wir draußen suchen. Sie erinnern uns unweigerlich daran, dass wir aus der Zivilisation kommen.

Und wenn wir draußen Essen selbst sammeln, lernen wir mehr über die Welt, in der wir uns bewegen. Das wertet das ganze Draußen-Erlebnis nochmal extra auf, weil es aus der Alltagsstruktur rausholt.

Wie wirkt sich deiner Meinung nach ein ausgiebiges, genussvolles Draußen-Picknick auf das Beziehungsgefüge „Familie“ aus?
Das regelmäßige Draußen Essen zeigt allen in der Familie erst mal, dass man nicht zwingend drinnen essen muss. Es zeigt Möglichkeiten-Spielräume auf. Ansonsten lädt es natürlich vor allen Dingen dazu ein, sich mit dem Raum, in dem wir und befinden auseinanderzusetzen und mit ihm Kontakt aufzunehmen. Dinge, die wir sonst Schmutz nennen würden, nennen wir draußen Boden oder Erde. Der wird draußen nicht weggefegt, er gehört dazu. Man hat andere Sitzformen und man kann viel öfter thematisieren was so des Weges kommt: Vögel, Ameisen, Käfer. Das kann dazu führen, dass die Familienkommunikation darüber abläuft und sich anderen Themen als den sonst gewohnten zuwendet.

Ob das eine Familie mehr zusammenschweißt vermag ich nicht zu sagen. Das kann natürlich drinnen genauso passieren wie draußen. Es kommt mehr darauf an, dass man die Möglichkeiten, die sich draußen ergeben gemeinsam als Familie entdeckt.

„Vom Draußen-Essen gewinnen Kinder ein Mehr an Lebensqualität.“

Wie profitieren Kinder beim Essen draußen? Was können sie lernen?
Ich denke, dass Kinder vom Draußen-Essen ein Mehr an Lebensqualität gewinnen, weil es den Sinnes- und Möglichkeitsraum öffnet. Kinder sehen, dass es möglich ist, in unterschiedlichen Situationen zu essen, auf ganz verschiedene Art und Weise. Draußen-Essen sollte daher nicht immer dasselbe Draußen-Essen sein. Eine Idee wäre: sich vornehmen, immer an anderen Orten zu essen. Mal auf einer Wiese, oder unter Bäumen, oder im Laub im tiefen Wald – es gäbe immer andere Themen zu thematisieren. Kinder und Familien könnten davon ungemein profitieren, weil sie sich immer wieder in der Situation gemeinsam zurechtzufinden hätten. Wo kann wer sitzen, wie können wir hier gemütlich sitzen? Was gibt’s an diesem Ort besonderes zu sehen? Kinder lernen dann, dass die Welt draußen viele Möglichkeiten bietet und immer neue Gesprächsthemen auch über die Umwelt bereithält.

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Gibt das Kindern die Möglichkeit diverser zu denken. Mehr in Möglichkeiten zu denken, freier zu sein?
Ja, wenn die Eltern thematisieren, wo man ist und diesen Szenenwechsel aktiv mit einbinden. Egal, ob über Sprache oder über Praktiken. Hier mal was gucken, da mal was anfassen, was sammeln, zuhören, aufmerksam sein. Dann kann das dazu führen, dass alle gemeinsam daran lernen. Es ist ja auch nicht so, dass Eltern nicht mehr lernen. Sondern es eröffnet allen Beteiligten neue Erfahrungswelten, wenn man sich damit auseinandersetzt. Wenn die Eltern profitieren, profitieren oft auch die Kinder davon. Lernen und aufwachsen ist keine Einbahnstraße oder nur Sache der Kinder, sondern man wächst aneinander. Mit Kindern sind Eltern eingeladen, sich auch wieder mit der Welt auseinanderzusetzen. Dieser Prozess kann im Draußen sein ganz gut funktionieren.

Draußen essen ist nicht immer hygienisch einwandfrei. Man kann sich die Hände nicht so gut waschen, gesammelte Beeren wandern auch eher vom Strauch direkt in den Mund und Stockbrot am Lagerfeuer ist meistens verkokelt oder roh. Wie stark sollten Eltern draußen auf Hygiene achten? Ist ein gewisses Maß an Dreck akzeptabel? Oder sogar förderlich?
Auf jeden Fall müssen Eltern natürlich darauf achten, dass Kinder nichts essen, was giftig ist. Aber es stimmt, wir leben in Deutschland in einer Zeit, in der Hygiene im Alltag an die Spitze des absurden getrieben wird. Oftmals ist es so, dass Menschen nicht bloß Angst vor gefährlichen Dingen haben, sondern vor Sachen, die sie schmutzig machen. Das Reinlichkeitsbedürfnis ist teilweise ganz schön außer Kontrolle geraten und da hilft es, wenn man draußen ist, dass man dem gegenüber wieder eine gewisse Lässigkeit entwickelt. So merkt man schnell, dass niemand stirbt, wenn man mal ein bisschen Dreck gegessen hat oder mit schmutzigen Händen gegessen hat. Ein bisschen Wasser dabei zu haben um den gröbsten Schmutz zu entfernen reicht meistens. Ansonsten tut‘s oft auch die Hände abzuschlagen oder an der Hose abzuwischen.

Nachdem wir nun wissen, wie wir für Genuss sorgen – Was ist für dich der absolute Genuss-Killer?
Für mich gibt es zwei Genuss-Killer: Der eine ist, wenn man mit jemandem Essen geht und die Person aus obskuren diätischen Gründen nichts isst. Das finde ich hochgradig frustrierend, weil es mir oft übertrieben scheint. Und der andere Killer ist natürlich, wenn‘s beim Essen zu Streitereien kommt. Das kann mir dann schon den Appetit verderben.

Vielen Dank, Daniel, für das Gespräch!

Was sind eure Erfahrungen mit Essen draußen? Macht ihr das regelmäßig? Und was darf bei eurem Picknick auf keinen Fall fehlen? Schreib’s in die Kommentare.

Dr. Daniel Kofahl (37) ist Ernährungssoziologe und leitet das „Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur (APEK)“. Seit 2016 lehrt er Ernährungssoziologie an der Universität Wien und ist seit 2013 Sprecher der AG Kulinarische Ethnologie in der „Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie“. Kofahl forscht zu Themen der Ernährungskultur, der Ernährungspolitik sowie zu sozialen Aspekten des Genießens. Er ist Vater von 2 Kindern. Mehr Infos über Daniel Kofahl findest du auf der Seite von APEK.

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